Bellmer – Schmollendes Mädchen
Hans Bellmer
(1902 Kattowitz – 1975 Paris)
SCHMOLLENDES MÄDCHEN
Gezeichnet 1945
Bleistift, Buntstift, weiß gehöht auf grünlichem Papier, 25,3 x 26 cm, signiert re. u.: Bellmer, datiert li. u.: 1945
Während des 2. Weltkriegs war es Bellmer in Frankreich fast unmöglich zu arbeiten. 1938 von Deutschland nach Paris emigriert, wurde er bei Kriegsausbruch zusammen mit Max Ernst, Ferdinand Springer und Wols von den Franzosen im Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert. Zwischen allen Fronten gefangen, schlug er sich in Südwestfrankreich durch, wohnte bei Freunden in Carcassone, Castres und Toulouse und verdiente sich durch Porträts etwas hinzu. Eines davon ist sein hinreißend schmollendes Mädchen.
Laut Edith Fuchs, Tochter eines seiner Gönner in den 1940er Jahren und auch sein Modell, arbeitete Bellmer zügig, ohne zu radieren oder zu retuschieren und war spätestens nach 40 Minuten mit einem Porträt fertig. Schaut man sich mit diesem Wissen das grandiose und einfühlsame Bildnis erneut an, ist man doppelt beeindruckt. Bellmer lagen die Porträts nicht besonders am Herzen. Er sicherte sich damit laut Edgard und René Fuchs (Ediths Brüder) in den schwierigen Kriegsjahren nur seinen Zigaretten- und Alkoholnachschub, den er als Stimulans für die fantastischen, surrealen und erotischen Zeichnungen brauchte, für die er bekannt ist (siehe: Webb/Short, „Hans Bellmer“, 1985, S. 140).
Seine Unlust am Porträtieren dürfte der der Kinder am Modellsitzen entsprochen haben. Das machte den Maler und seine Modelle unterschwellig zu Komplizen. Die Kinder setzten nicht ihr Sonntagslächeln auf, und er schönte sie nicht, sondern hielt wie ein Fotograf fest, was er sah. Das Resultat sind Kinderporträts von außergewöhnlicher Natürlichkeit und Ungezwungenheit in der Nachfolge der Neuen Sachlichkeit.